Antrag
der Fraktion der AfD
Freiwilliger Landdienst – Das Freiwillige Ökologische Jahr in NRW um die Möglichkeit der Unterstützung auf landwirtschaftlichen Familienbetrieben erweitern
I. Ausgangslage
Frische Luft und ein Eintauchen in eine neue Welt: Auf Bauernhöfen können Jugendliche hautnah erleben, wo die Milch herkommt, wie Erdbeeren wachsen und wie Lebensmittel Schritt für Schritt entstehen, bevor sie im Laden oder auf dem Teller landen. Statt nur zuzuschauen, können sie selbst mit anpacken – beim Melken und bei der Verarbeitung zu Käse oder Joghurt, bei der Ernte von Obst und Gemüse oder auch bei der Herstellung von Hofladen-Produkten. Sie lernen, wie eng die Landwirtschaft mit Jahreszeiten, Wetter und Tierhaltung verbunden ist, und entwickeln ein neues Verständnis für die Arbeit, die in jedem einzelnen Lebensmittel steckt. So lernen Jugendliche auch die Realität der Lebensmittelherstellung kennen und können ein tieferes Verständnis für die Systemrelevanz der Urproduktion von Lebensmitteln und den Beruf des Landwirts entwickeln. Damit gewinnen sie nicht nur praktische Erfahrungen, sondern auch einen wertvollen Einblick in nachhaltige Ernährung und bewussten Konsum.
Ein solches Konzept hat in der Schweiz bereits eine lange Tradition. Schon seit mehr als 60 Jahren gibt es dort den sogenannten Landdienst, der Jugendlichen zwischen 14 und 24 Jahren ermöglicht, auf Bauernhöfen mitzuarbeiten. Dabei helfen sie im Stall, auf dem Feld oder im Haushalt und knüpfen enge Kontakte zu bäuerlichen Familien. Heute lebt dieser Gedanke unter dem Namen Agriviva weiter. Die Organisation vermittelt Einsätze auf Höfen in allen Regionen der Schweiz – von alpinen Berggebieten bis in Täler, aber auch in angrenzende Regionen wie Baden-Württemberg. Das Ziel: Jugendliche packen mit an, während die Betriebe wertvolle Unterstützung in ihren alltäglichen Arbeiten erfahren.
Die Aufgaben sind dabei vielfältig: Tiere versorgen, bei der Ernte mithelfen, den Garten pflegen, Kinder betreuen oder im Hofladen mitarbeiten. Für die Bauernfamilien bedeutet das eine spürbare Entlastung, für die Jugendlichen eine prägende Erfahrung. Sie tauchen in den bäuerlichen Alltag ein, lernen Verantwortung zu übernehmen und entdecken Landwirtschaft als wichtigen Teil der Kultur, Gesellschaft und Wirtschaft.1
Das Interesse ist groß: Jedes Jahr krempeln weit über 1.000 Jugendliche die Ärmel hoch, um in Haus, Stall, Garten und Feld mitanzupacken.2
Ein vergleichbares Angebot seitens des Landes existiert in Nordrhein-Westfalen bislang nicht in dieser Form. Hier stehen stattdessen die Jugendfreiwilligendienste im Mittelpunkt, das Freiwillige Soziale Jahr (FSJ) und das Freiwillige Ökologische Jahr (FÖJ). Beide verstehen sich als Bildungsjahre, die jungen Menschen Orientierung geben, gesellschaftliches Engagement fördern und praktische Erfahrungen ermöglichen. Während das FSJ meist in sozialen Einrichtungen, im Gesundheitswesen, in Kultur oder Sport absolviert wird, richtet sich das FÖJ an Tätigkeiten im Natur- und Umweltschutz, etwa in ökologischen Projekten oder Einrichtungen der Umweltbildung.3
Insbesondere das FÖJ eröffnet Jugendlichen mit naturwissenschaftlichem Interesse die Möglichkeit, aktiv Verantwortung zu übernehmen und sich für Nachhaltigkeit einzusetzen. Ziel ist es, den bewussten Umgang mit Natur und Umwelt zu stärken. Dafür stehen in NRW zahlreiche Einsatzstellen bereit, etwa biologische Stationen, Einrichtungen der Umweltbildung oder botanische und zoologische Gärten.4
Darüber hinaus ist es bereits heute möglich, ein FÖJ auf ökologisch wirtschaftenden Bauernhöfen zu absolvieren. Zu den Einsatzstellen gehören:
- Lammertzhof (Kaarst)
- Mitmach-Bauernhof für Kinder Mallewupp (Krefeld)
- Breuner Hof (Lindlar)
- Bergerhof (Meckenheim)
- Hof Vorberg (Velbert)
- Haus Bollheim (Zülpich)
- Schulbauernhof Ummeln (Bielefeld)
- Schulbauernhof Emshof (Telgte)
- Vauß-Hof (Salzkotten)
- Hof Lohmann (Warendorf)
- Demeter-Gut Körtlinghausen (Rüthen)
- Betriebsgemeinschaft Hasenbrede (Lemgo)
- Betriebsgemeinschaft Birkenhof (Wilnsdorf)5
Diese Höfe leisten wertvolle Bildungsarbeit, doch die Zahl der Einsatzstellen bleibt begrenzt auf einzelne ausgewählte Höfe.
Genau hier könnte Nordrhein-Westfalen ansetzen. Die Landwirtschaft befindet sich im Umbruch. Zwar ist die Zahl der landwirtschaftlichen Betriebe in NRW zwischen 2020 und 2023 recht stabil geblieben, doch ein genauerer Blick zeigt ein klares Muster: Während sehr kleine und sehr große Betriebe zunehmen, verschwinden zunehmend die mittleren Familienbetriebe, die für eine vielfältige und regionale Landwirtschaft stehen.6
Insbesondere Betriebe mit einer Fläche von 10 bis 100 Hektar mussten in den vergangenen Jahren in großer Zahl aufgeben. Viele Flächen wurden von größeren Betrieben übernommen, die dadurch weiter wachsen konnten.
Hinter dieser Entwicklung stehen mehrere Gründe. Ein zentrales Problem ist die fehlende Hofnachfolge. Das Ergebnis einer Umfrage der Zeitschrift agrar-heute bestätigt, dass viele Bauern für ihre Kinder keine Zukunft in der Landwirtschaft sehen. Ein Drittel der Umfrageteilnehmer hält den Beruf Landwirt für nicht zukunftsfähig (32 Prozent). 8 Prozent bezeichnen ihren Betrieb als nicht zukunftsfähig für die nächste Generation. Immerhin 60 Prozent wünschen sich, dass eins der Kinder den Betrieb weiterführt. Doch traurigerweise raten auch viele Landwirte ihren Kindern davon ab, den Hof zu übernehmen.7
Ein anderer Aspekt sind steigende bürokratische Anforderungen und behördliche Auflagen, die gerade kleinere Höfe überfordern. Gleichzeitig belasten stark schwankende Preise, explodierende Kosten für Energie, Futtermittel und Dünger sowie unsichere Absatzbedingungen die Betriebe massiv.8
Die Folge: Immer weniger, dafür immer größere Betriebe prägen die Landwirtschaft. Parallel dazu ist die Zahl der landwirtschaftlichen Arbeitskräfte von 119.400 im Jahr 2020 auf 117.200 im Jahr 2023 gesunken.9 Auch der langfristige Trend bei Arbeitskräften im Bereich der Landwirtschaft ist negativ: die Zahl der Arbeitskräfte auf den Betrieben ist von 2010 bis 2020 um 3,5 Prozent gesunken.
Gerade hier könnte das FÖJ eine echte Abhilfe schaffen und seitens des Landes Spielräume geschaffen werden. Denn anders als beim FSJ ist beim FÖJ das Land gemäß § 7 Jugend-wohlfahrtszuständigkeitsverordnung Träger.10 Würde in NRW das FÖJ auf kleine und mittlere Familienbetriebe ausgeweitet, entstünde ein doppelter Nutzen: Jugendliche erhielten einen realistischen Einblick in die Herausforderungen moderner Landwirtschaft und gewännen Orientierung für ihre Zukunft. Gleichzeitig würden die Betriebe konkrete Unterstützung im Alltag erfahren, die sie dringend benötigen. In Anlehnung an den Landdienst in der Schweiz könnte zudem die Einsatzzeit flexibler gestaltet werden, auch um auf mehreren Höfen zu unterstützen.
Ein Freiwilliges Ökologisches Jahr auf dem Bauernhof wäre damit weit mehr als eine persönliche Erfahrung. Es verbindet Bildung, Engagement und gesellschaftlichen Nutzen: Jugendliche lernen Verantwortung, Selbstständigkeit und den Wert von Lebensmitteln – und gleichzeitig wird eine bäuerliche Landwirtschaft gestärkt, die für Nachhaltigkeit und regionale Vielfalt steht. Angesichts von Kampagnen gegen die Landwirtschaft durch staatlich finanzierte ‚NGOs‘ kann ein freiwilliger Landdienst helfen Fehlinformationen und Verleumdungen gegen unsere Landwirte insbesondere bei der jungen Generation zu entkräften und der Steigerung des Ansehens des Bauernstandes dienen.
So könnte Nordrhein-Westfalen mit einer Erweiterung des FÖJ zum freiwilligen Landdienst nicht nur jungen Menschen neue Chancen eröffnen, sondern auch einen wichtigen Beitrag zum Erhalt seiner bäuerlichen Familienbetriebe leisten.
II. Der Landtag stellt fest:
- Ein Freiwilliges Ökologisches Jahr auf einem Bauernhof bietet Jugendlichen wertvolle Erfahrungen: Sie lernen die Grundlagen der Landwirtschaft kennen, entwickeln ein Bewusstsein für nachhaltige Ernährung und erwerben praktische Kompetenzen.
- In der Schweiz ist mit dem Programm Agriviva (ehemals Landdienst) seit über 60 Jahren erfolgreich erprobt, wie Jugendliche durch Einsätze auf Familienbetrieben persönliche Erfahrungen sammeln und gleichzeitig die Landwirtschaft konkret entlasten.
- In Nordrhein-Westfalen bestehen zwar zahlreiche FÖJ-Einsatzstellen in biologischen Stationen, Umweltbildungseinrichtungen sowie auf ausgewählten ökologischen Betrieben, doch landwirtschaftliche Familienbetriebe sind bisher kaum eingebunden.
- Angesichts des Strukturwandels und Arbeitskräftemangels in der Landwirtschaft kann ein Freiwilliges Ökologisches Jahr auf einem Bauernhof zukünftige Fachkräfte für die Landwirtschaft gewinnen.
III. Der Landtag fordert daher die Landesregierung auf:
- das Freiwillige Ökologische Jahr in Nordrhein-Westfalen um die Möglichkeit zu erweitern, auf landwirtschaftlichen Familienbetrieben einen freiwilligen Landdienst abzuleisten – auch mit der Möglichkeit von flexiblen Einsatzzeiten;
- hierfür die rechtlichen und organisatorischen Voraussetzungen zu schaffen, damit auch konventionelle Betriebe unkompliziert als Einsatzstellen für ein FÖJ zugelassen werden;
- in Zusammenarbeit mit Landwirtschaftsverbänden ein Modellprojekt zu entwickeln, das die Einbindung von Familienbetrieben in das FÖJ erprobt;
- die gewonnenen Erfahrungen zu evaluieren und in eine dauerhafte Ausweitung des FÖJ-Angebots einfließen zu lassen.
Zacharias Schalley
Dr. Martin Vincentz
Christian Loose
und Fraktion
1 https://www.agriviva.ch/de/jugendliche/informationen (abgerufen am 27.08.2025)
2 https://www.swissmilk.ch/de/nachhaltigkeit/besser-als-ferien-abenteuer-landdienst/ (abgerufen am 27.08.2025)
3 https://www.mkjfgfi.nrw/jugendfreiwilligendienste-fsj-und-foej (abgerufen am 27.08.2025)
4 https://www.mkjfgfi.nrw/das-freiwillige-oekologische-jahr (abgerufen am 27.08.2025)
5 https://www.mkjfgfi.nrw/sites/default/files/documents/18-0903_mkffi_heft_freiwilliges_okologisches_jahr_k4.pdf (abgerufen am 27.08.2025)
6 https://rp-online.de/nrw/panorama/hunderte-bauern-in-nrw-geben-auf_aid-105440873 (abgerufen am 26.08.2025)
7 https://www.agrarheute.com/land-leben/drittel-haelt-beruf-landwirt-fuer-zukunftsfaehig-584642
8 https://www.nrz.de/region/niederrhein/article241846634/Milchbauern-in-NRW-es-droht-schnelleres-Hoefester-ben.html (abgerufen am 26.08.2025)
9 https://rp-online.de/nrw/panorama/statistische-landesamt-immer-weniger-kleinere-bauernhoefe-in-nrw_aid-105418445 (abgerufen am 26.08.2025)
10 Lt.-Drucksache 18/15352