Schwimmflächen und Schwimmangebote ausweiten. Ertrinken verhindern.

Antrag
vom 18.06.2019

Antragder Fraktion vom 18.06.2019

 

Schwimmflächen und Schwimmangebote ausweiten. Ertrinken verhindern.

I. Ausgangslage

Das Thema „Schwimmfähigkeit“ tritt jeden Sommer wieder in den Fokus allgemeiner Aufmerk­samkeit: zunehmend erschrecken Nachrichten, in denen von Kindern, Jugendlichen und Er­wachsenen berichtet wird, die aufgrund mangelhafter oder nicht vorhandener Schwimmfähig­keit ertrinken.1

In Nordrhein-Westfalen ist die Zahl der Bäder laut einer Studie der Universität Wuppertal in den Jahren von 2000 bis 2015 um 230 Bäder zurückgegangen.2 Schwimmen zu können ist aber eine wichtige, im Ernstfall sogar überlebenswichtige Grundfähigkeit. Laut Forsa-Umfrage sind heutzutage 60 % der Grundschüler keine sicheren Schwimmer – diese Zahl ist alarmie-rend.3

Die Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) hat deshalb sogar zu einer Petition auf­gerufen: „Rettet die Bäder! Schwimmbadschließung stoppen!“4 Das sichere Schwimmen eröff­net dabei den Bürgerinnen und Bürgern eine Vielzahl von Aktivitäten in Bezug auf den Was­sersport und Sportarten am Wasser. Dabei sind die Erfahrungen im und am Wasser in Ver­bindung mit Sport- und Freizeitmöglichkeiten eine Bereicherung für jeden Menschen in jedem Alter. Deshalb sollte es Ziel in NRW sein, dass alle Menschen in Nordrhein-Westfalen ausrei­chende Schwimmflächen und Schwimmangebote zur Verfügung stehen.

Regelmäßige Erhebungen der DLRG zeigen jedoch eine gegensätzliche Tendenz. Allein in NRW sind 63 Menschen im Jahre 2018 ertrunken. Damit steht NRW mit diesem traurigen Wert auf Platz zwei hinter Bayern.5

Seit kurzem gibt es eine einheitliche Definition des Begriffs „Schwimmfähigkeit“. Die DLRG, Schwimmverbände und die Kultusministerkonferenz (KMK) haben sich dabei auf folgende De­finition geeinigt: „Bundesweit gilt als sicherer Schwimmer, wer die Disziplinen des Jugend-schwimmabzeichens Bronze (Freischwimmer) erfüllen kann.“6 Während Anfang der 1990er nur 10 Prozent aller Kinder nicht schwimmen konnten, sind es inzwischen rund 60 Prozent der Grundschülerinnen und Grundschüler, die im Alter von zehn Jahren nicht sicher schwimmen und sich nicht alleine über Wasser halten können. Dabei sind die Gründe für die abnehmende Schwimmfähigkeit vielschichtig. Ursachen sehen die Experten vor allem in fehlenden Schwimmflächen, langen Anfahrtszeiten, unzureichendem Schwimmunterricht und im verän­derten Freizeitverhalten der Bürgerinnen und Bürger.7 Eins der größten Probleme beginnt schon im Kindesalter, denn jede vierte Grundschule hat keinen Zugang zu einem Schwimm­bad. Auch der Landessportbund NRW sieht das Bädersterben in NRW als „eine gefährliche Entwicklung“ an.8

Dem Schwimmunterricht in der Schule kommt eine besondere Bedeutung zu. Aber gerade auch die Möglichkeiten zu außerschulischem Unterricht bzw. die Angebote für Familien und für Kinder vor dem Eintritt in die Grundschule sind in NRW zurzeit mehr als ausgereizt. Exper­ten betonen die Notwendigkeit einer schon früh im Vorschulalter ansetzenden Wassergewöh­nung und dem regelmäßigen Üben der Schwimmfähigkeit.9 Gerade die Kleinsten erinnern sich ganz automatisch an die geborgene Zeit im Mutterleib und fühlen sich deswegen im Wasser wohl. Das professionell angeleitete Erlebnis beim Babyschwimmen vermag zudem die Eltern-Kind-Beziehung emotional zu festigen. Dabei ist die Gewöhnung ans Wasser schon ab einem Alter von 3 Monaten möglich.10

Auch wenn es normalerweise die Aufgabe der Eltern und der Familie ist, ihren Kindern das Erlernen des Schwimmens zu ermöglichen, ist das oftmals aus familiären, beruflichen oder finanziellen Gründen nicht im erforderlichen Maße möglich. Laut der KiGGS-Studie des Ro­bert-Koch-Instituts erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, nicht richtig schwimmen zu lernen, wenn der soziale Status der Familie niedrig ist oder sie einen Migrationshintergrund hat.11 Umso wichtiger ist es, einen hinreichenden Schwimmunterricht zu gewährleisten.

Voraussetzung für schulischen und außerschulischen Schwimmunterricht ist eine ausrei­chende Infrastruktur in erreichbarer Nähe. Die Schließung von Schwimmbädern und die Um­wandlung von klassischen Sportbädern hin zu Spaßbädern haben einen großen negativen Effekt auf die Schwimmausbildung. Immer mehr Kommunen sind nicht mehr in der Lage, ihre Schwimmbäder zu finanzieren und damit zu erhalten.

Ohne geeignete Sportstätten in vertretbarer Entfernung zur Schule und ohne entsprechend geschultes Lehrpersonal in ausreichender Zahl kann allerdings kein flächendeckender Schwimmunterricht stattfinden. Dabei kann das Programm „Moderne Sportstätte 2022“ nur ein Anfang sein. Das Programm bietet bei weitem nicht den nötigen Umfang, um ausreichend Mittel für den Erhalt von Schwimmbädern zur Verfügung zu stellen.12

Auch die Fördermöglichkeiten aus dem Programm „Gute Schule 2020“, den Pauschalen aus dem GFG und den Kapiteln des Kommunalinvestitionsförderungsgesetzes des Bundes stellen den Kommunen augenscheinlich nicht genügend Mittel zur Verfügung, um die Infrastruktur im Sport und besonders im Schwimmsport zu erhalten.13

II. Der Landtag stellt fest,

1. dass die finanziellen Mittel für die Sportstätteninfrastruktur und besonders für den Schwimmsport- und Schwimmunterricht nicht ausreichen.

2. dass der Schwimmsport- und Schwimmunterricht in dem jetzigen Umfang nicht ausrei­chen, um die Schwimmfähigkeit aller Bürger und Bürgerinnen zu gewährleisten.

3. dass vorhandene Schwimmstätten erhalten werden und weitere Schwimmbäder zu schaf­fen sind.

III. Der Landtag fordert die Landesregierung auf,

1. einen Lagebericht zu den vorhandenen Bädern in NRW als Übersicht der vorhandenen Schwimmbäder (mit baulichem Zustand) zu geben und auf den Erkenntnissen aufbauend in Zusammenarbeit mit den Kommunen und den Organisationen im Landessport ein Kon­zept zur Sanierung und Unterhaltung von Schwimmbädern zu erarbeiten, welches den Bestand der Schwimmbäder sichert;

2. durch die Einführung eines Förderprogramms ausschließlich für Schwimmbäder die Kom­munen vor allem im ländlichen Raum in die Lage zu versetzen, dauerhaft eine Schwimm­badinfrastruktur auch durch interkommunale Zusammenarbeit vorhalten zu können, so­dass die Anfahrtswege für jeden Bürger zumutbar bleiben;

3. mit Vertretern von Kita-Trägern, Schwimmverbänden, Kommunen und Elternverbänden den Bedarf für Angebote zum Schwimmenlernen im Vorschulbereich zu eruieren und bei Bedarf ein Konzept zu erarbeiten mit dem Ziel, durch Kooperationen mit Wasserrettungs-organisationen sowie Fortbildungsangeboten für Erzieherinnen und Erzieher Wasserge­wöhnung bereits im Kita-Bereich zu ermöglichen und über das Verhalten und die Gefah­ren am Wasser zu informieren;

4. bei den Stadt- und Kreissportbünden „Runde Tische“ mit Kommunen, Badbetreibern, Schwimmvereinen und Rettungsorganisationen sowie Kitas und Schulen anzuregen, in denen örtlich tragfähige Konzepte entwickelt werden;

5. weiterhin Eltern mit geeigneten Maßnahmen dafür zu sensibilisieren, wie wichtig es ist, dass alle ihre Kinder schwimmen lernen.

6. einen Entwicklungsbericht der Schwimmstätten in NRW bis 2021 zu erarbeiten, wie viele Schwimmstätten geschlossen wurden, wie viele in Spaßbäder umgebaut und wie viele Spaßbäder in dieser Zeit neu gebaut wurden. Des Weiteren soll der Bericht enthalten, ob an diesen noch vorhandenen Standorten Schwimmunterricht angeboten wird und welche Institutionen die Schwimmflächen nutzen.

Andreas Keith
Sven Tritschler
Markus Wagner

und Fraktion

 

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1 Vgl. https://rp-online.de/nrw/panorama/eltern-muessen-jederzeit-nach-ihren-kindern-greifen-koen-nen_aid-23765347

2 Vgl. https://www.sportsoziologie.uni-wuppertal.de/fileadmin/sportsoziologie/FoKoS/News/Zukunftsfa-ehige_Sportstaetteninfrastruktur_in_NRW_-_Kurzfassung.pdf

3 https://www.dlrg.de/spenden/mach-schwimmen-sicher.html

4 https://www.dlrg.de/rettet-die-baeder.html

5 https://www.dlrg.de/fileadmin/user_upload/DLRG.de/Fuer-Mitglieder/Presse/Statistik_Ertrin-ken_2018/20190220_Ertrinken_2018_Bundeslaender.pdf

6 https://www.dlrg.de/fuer-mitglieder/verbandskommunikation/arbeitshilfen/aussagen-zur-schwimmfa-ehigkeit.html

7 Vgl. https://www.dlrg.de/fuer-mitglieder/verbandskommunikation/arbeitshilfen/aussagen-zur-schwimmfaehigkeit.html

8 Vgl. https://www.waz.de/region/experten-warnen-vor-den-folgen-des-baedersterbens-in-nrw-id214961411.html

9 https://www.focus.de/familie/freizeit/diese-fehler-sollten-eltern-nicht-begehen-wann-und-wie-kinder-das-schwimmen-lernen-sollten_id_4823542.html

10 https://www.huffingtonpost.de/entry/babyschwimmen-elternsaeug-linge_de_5b0c5a02e4b0fdb2aa55e07d

11 Vgl. https://www.armut-und-gesundheit.de/fileadmin/user_upload/MAIN-dateien/Kon-gress_A_G/A_G_17/Doku_2017/Kuntz__B._108.pdf

12 https://www.land.nrw/de/information-zur-umsetzung-des-neuen-sportstaettenfoerderprogramms-mo-derne-sportstaette-2022

13 Vgl. http://landtag/portal/WWW/dokumentenarchiv/Dokument/MMD17-5248.pdf