Kleine Anfrage 5426
des Abgeordneten Christian Loose AfD
Bilanz nach mehr als 1.600 Tagen: Was ist aus dem Knotenpunkt für Flugtaxis geworden?
„Nordrhein-Westfalen wird Heimat für Mobilität in der dritten Dimension“, so der heutige Ministerpräsident des Landes Nordrhein-Westfalen, Hendrik Wüst, in seiner seinerzeitigen Zuständigkeit als Verkehrsminister am 8. September 2020. Er führte weiter aus: „Was heute noch wie Science-Fiction klingt, kann schon bald Realität sein. Im Bundesland mit dem höchsten Mobilitätsbedarf sind schlaue Ideen für eine bessere Mobilität immer willkommen. Wir brauchen alle Verkehrsträger, um den Menschen in der Summe ein überzeugendes vielfältiges Mobilitätsangebot zu machen.“ und ergänzte „Eine leistungsstarke Verkehrsinfrastruktur wird in Zukunft DER entscheidende Standortfaktor sein. Für die Lebensqualität der Menschen und für den Wirtschaftsstandort […] Eine Stärkung unserer Verkehrsinfrastruktur stärkt deshalb ganz Nordrhein-Westfalen.“1
Die genannte „Mobilität in der dritten Dimension“ hat inzwischen eine herbe Bruchlandung erlitten und erinnert in ihrem kläglichen Ende an ähnlich unerfüllte Erwartungen an gescheiterte batterieelektrische Mobilitätsideen aus dem Kfz-Bereich wie „StreetScooter“ und „e.Go“. Die Unternehmen Volocopter und Lilium, die sich beide der Entwicklung von sog. Flugtaxis gewidmet hatten, sind insolvent. Das seitens des nordrhein-westfälischen Steuerzahlers geförderte Projekt „Silent Air Taxi“ ist geräuschlos auf die Entwicklung von Komponenten eingedampft.
Zwischenzeitlich hat die amerikanische Flugsicherheitsbehörde FAA untersucht, wie stark die Abwinde bei Start und Landung von Flugtaxis – und allgemein elektrischen Senkrechtstartern – sind und ist dabei zu ernüchternden Ergebnissen gelangt. Bislang zeigten die Entwickler gerne Computeranimationen, in denen ihre Flugtaxis in der Stadt zwischen Gebäuden und Bäumen oder hinter dem Haus starten und landen. Die Untersuchungen zeigen, dass die Flugtaxis Abwinde in senkrechter Richtung unter dem Fluggerät von bis zu 160 km/h und damit oberhalb Orkanstärke entwickeln und parallel zum Boden von bis zu 96 km/h entwickeln, was zu erheblichen Flächenbedarfen und Lärmentwicklungen führt.2
Deshalb frage ich die Landesregierung:
- Wann wird Nordrhein-Westfalen, den Ankündigungen des seinerzeitigen Verkehrsministers Hendrik Wüst folgend, eine „Heimat für die Mobilität in der dritten Dimension“ in Form von Flugtaxis schaffen?
- Haben sich Flugtaxis nach Erkenntnis der Landesregierung als das erwiesen, als was Hendrik Wüst sie angekündigt hat – schlaue Ideen für bessere Mobilität?
- Welche realistischen Chancen sieht die Landesregierung nach den Insolvenzen von Volocopter und Lilium, den Ankündigungen des seinerzeitigen Verkehrsministers Hendrik Wüst folgend Nordrhein-Westfalen zu einem relevanten Standort für den Betrieb sog. Flugtaxis zu entwickeln?
- Inwieweit schränken die Erkenntnisse zur Stärke des entwickelten Ab- und bodennahen Querwindes die Nutzung und Entwicklung von Start- und Landeplätzen für solche Flugtaxis ein?
- Welche finanziellen Mittel aus dem Landeshaushalt wurden Unternehmen in den Jahren 2020 bis 2025 für die Entwicklung, Forschung oder den Bau von Flugtaxis bereitgestellt (bitte nach Jahren getrennt angeben)?
Christian Loose
1 Vgl. https://www.land.nrw/pressemitteilung/nordrhein-westfalen-soll-knotenpunkt-fuer-flugtaxis-werden, abgerufen am 24.03.2025.
2 Vgl. https://www.faz.net/aktuell/technik-motor/elektromobilitaet/orkan-am-flugtaxi-verwehen-start-und-landung-die-ganze-idee-110359709.html, abgerufen am 24.03.2025.
Der Minister für Umwelt, Naturschutz und Verkehr hat die Kleine Anfrage 5426 mit Schreiben vom 26. Mai 2025 namens der Landesregierung im Einvernehmen mit der Ministerin für Wirtschaft, Industrie, Klimaschutz und Energie sowie mit dem Minister der Finanzen beantwortet.
- Wann wird Nordrhein-Westfalen, den Ankündigungen des seinerzeitigen Verkehrsministers Hendrik Wüst folgend, eine „Heimat für die Mobilität in der dritten Dimension“ in Form von Flugtaxis schaffen?
- Haben sich Flugtaxis nach Erkenntnis der Landesregierung als das erwiesen, als was Hendrik Wüst sie angekündigt hat – schlaue Ideen für bessere Mobilität?
Die Fragen 1 und 2 werden aufgrund des Sachzusammenhangs zusammen beantwortet.
Elektrisch betriebene, vertikal startende und landende Luftfahrzeuge (Electric Vertical Take off and Landing Aircraft – eVTOL) sind leise, lokal emissionsfrei und besitzen das Potenzial, die Mobilität der Menschen und den Transport von Gütern nachhaltig zu verändern.
Herstellerübergreifend hängt der Betrieb von eVTOLs als Mobilitätslösung von technischen und regulatorischen Rahmenbedingungen ab, die vollständig geklärt werden müssen. Sie stellen momentan noch keine planbare und für den allgemeinen Verkehrsbedarf einsatzreife Mo-bilitätslösung dar. Insbesondere zu Forschungs- und Entwicklungszwecken sind eVTOLs in Nordrhein-Westfalen wünschenswert. Das im Rahmen der Strukturförderung im Rheinischen Revier zum Ankerprojekt „Aviation“ zugeordnete „Center of Vertical Mobility“ erforscht und entwickelt bereits die vertikale Luftmobilität. Den Schwerpunkt bilden Erprobungen und Tests in Reallaboren von personentragenden und unbemannten vertikalstartfähigen Luftfahrzeugen.
- Welche realistischen Chancen sieht die Landesregierung nach den Insolvenzen von Volocopter und Lilium, den Ankündigungen des seinerzeitigen Verkehrsministers Hendrik Wüst folgend Nordrhein-Westfalen zu einem relevanten Standort für den Betrieb sog. Flugtaxis zu entwickeln?
- Welche finanziellen Mittel aus dem Landeshaushalt wurden Unternehmen in den Jahren 2020 bis 2025 für die Entwicklung, Forschung oder den Bau von Flugtaxis bereitgestellt (bitte nach Jahren getrennt angeben)?
Die Fragen 3 und 5 werden aufgrund des Sachzusammenhangs zusammen beantwortet.
Der Zugang zu Risikokapital ist v.a. für junge, technologieorientierte Unternehmen angesichts der gegenwärtigen Zinsphase auch bei Bestehen von technologischer Marktführerschaft eine Herausforderung. Wie das Bundesministerium für Digitales und Verkehr (BMDV) im Rahmen der Advanced-Air-Mobility-Strategie des BMDV – Aufbruch in eine neue Ära der Luftfahrt vom 11. Dezember 2024 feststellt, werden in den USA und Asien aussichtsreiche eVTOL-Herstel-ler durch staatliche Unterstützungsmaßnahmen finanziert. Da es im übergeordneten Interesse liegen dürfte, die Technologieführerschaft in strategisch wichtigen Bereichen in Europa zu halten, befürwortet die Landesregierung die Ankündigungen des BMDV, sich mit Nachdruck dafür einzusetzen, dass Anreize für private Investitionen in Deutschland geschaffen werden. Das Land Nordrhein-Westfalen hat die Voraussetzungen für eine breit angelegte Forschung und Entwicklung im Bereich des klimaneutralen bzw. elektrifizierten Luftverkehrs geschaffen (siehe auch Antwort zu Fragen 1 und 2). Gegenstand der Förderung soll ein breites Spektrum von innovativen und zukunftsorientierten Themenbereichen im Rahmen geeigneter Forschungsprojekte sein, wie etwa die Anbindung von Flugplätzen als Mobilitätshubs, die Entwicklung lärmarmer Antriebe, stabile Stromversorgung und Ladeinfrastruktur, sichere Betriebsverfahren bei knappen Reservezeiten oder die Schaffung geeigneter Luftraumstrukturen (U-Space). So erhält Nordrhein-Westfalen die Chance, sich zu einem wesentlichen Standort für die Forschung und Entwicklung von eVTOLs zu entwickeln.
Das Ministerium für Wirtschaft, Industrie, Klimaschutz und Energie weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass in den Jahren 2020 und 2021 ein Aachener Lufttaxi-Startup als ein Partner in einem EFRE-Verbundprojekt mit 22.389,75 € bzw. 6.517,50 aus dem Landeshaushalt gefördert wurde.
- Inwieweit schränken die Erkenntnisse zur Stärke des entwickelten Ab- und bodennahen Querwindes die Nutzung und Entwicklung von Start- und Landeplätzen für solche Flugtaxis ein?
Die Nutzung und Entwicklung von Start- und Landeplätzen für eVTOLs hängt von einer Vielzahl von Faktoren ab. Allein aus der – sich herstellerbedingt unterscheidenden – Auswirkung der Stärke des Ab- und bodennahen Querwindes lassen sich keine hinreichenden Rückschlüsse auf die Nutzung und Entwicklung von Start- und Landeplätzen für eVTOLs herleiten.